SD: Deine Laufbahn absolvierst du seit langem außerhalb Wiens: Verfolgst du die Szene in Österreich?
MG: Sie interessiert mich sehr. Während meines Wirtschaftsstudiums in Wien habe ich in verschiedenen Institutionen gejobbt und mir war klar, dass ich etwas machen will, das Wirtschaft und Kultur zusammenbringt. Die Möglichkeiten dafür fand ich in der Schweiz, in den USA und seit zehn Jahren in Helsinki. Nach Wien komme ich als Touristin und habe nur limitierte Einblicke. Es gibt spannende Leute, die international präsent sind, wie Klemens Schillinger, EOOS oder Vandasye, mit denen wir schon gearbeitet haben. Institutionen wie das MAK oder die Vienna Design Week geben österreichischem Design eine wichtige Aussenwirkung. Was ich aber nicht sehe, ist eine aktive Möbel- oder Designindustrie. Man kennt Marken wie Bene und Wittmann. Wenn es darüber hinaus mittelständische Betriebe gibt, die sich die Expertise von Designer:innen bewusst ins Unternehmen holen, sei es als Werkdesigner:innen oder als Externe, dann wird das international nicht stark kommuniziert. Wenn es so wäre, würde ich das wahrnehmen, weil es mich brennend interessiert. Von außen bekomme ich solche Aktivitäten nicht mit, was nicht heißt, dass es sie nicht gibt.
SD: Das Selbstverständnis, die Leistungsfähigkeit österreichischer Designer:innen im Rahmen großer öffentlicher Aufträge unter Beweis zu stellen, ist nicht sehr ausgeprägt. Anlässe wie der Umbau des österreichischen Parlaments, der Bau von Universitäten, Museen oder Krankenhäusern gäben immer wieder Anlass für Kooperationen mit Designer:innen und Herstellern.
MG: Anders als in Österreich ist Design in Skandinavien, der Schweiz oder Holland ein Wirtschaftsfaktor und Bestandteil der kulturellen Identität. Als vor einigen Jahren das Nationalmuseum in Schweden für den Umbau einige Jahre geschlossen war, wurden vier lokale Designbüros eingeladen, sämtliche öffentliche Bereiche neu zu denken und mit nordischen Firmen zu entwickeln. Artek konnte mit TAF Studio den Holzstuhl für das Café entwickeln. Das kostete das Museum nicht mehr, als wenn sie die Möbel von der Stange kaufen, erzeugte aber einen unglaublichen Mehrwert. Aber dafür braucht es politischen Willen und Leute, die das umsetzen können.
SD: Du bist die Schaltstelle zwischen Designer:innen und Herstellern. Wie finden beide zueinander?
MG: Das geht in beide Richtungen. Im konkreten Fall kam TAF mit einem interessanten Entwurf für ein konkretes Gebäude auf uns zu, der gut in die Artek-Collection passte. Aber das funktioniert nicht immer, denn wir sind keine Projekteinrichter, sondern Serienhersteller. Mit Daniel Rybakken entwickelten wir eine Kollektion, die wir Domestic Helpers nennen, also Garderoben, Spiegel und Ähnliches. Er arbeitet hauptsächlich mit Licht und ist exklusiv einem Hersteller verpflichtet, aber uns war klar, dass die räumliche Auseinandersetzung, die er mit Licht anstellt, auch für Möbel interessant sein kann.
SD: Wie ordnen sich solche Entwicklungsprozesse zeitlich in eure Planung ein?
MG: Wir sind klein, machen nicht unbedingt jedes Jahr einen Produkt-launch. Je nach Typologie braucht ein Möbel zwei bis drei Jahre, bis es gründlich getestet ins Projektgeschäft kommt. Hier kommen zwei Prozesse zusammen; das Design und dann die Aufgabe, es in die serielle Produktion zu bekommen. Ein Prototyp ist relativ schnell gebaut, aber ein Produkt, das eine Supply-Chain und einen Vertrieb hinter sich hat, braucht länger.
SD: Ist die Dauer einer solchen Entwicklung vorhersehbar?
MG: Nicht immer. Bei natürlichen Materialien kommt der handwerkliche Aspekt ins Spiel. Ein Design in die Realität eines industriellen Unternehmens einzubringen, ist anspruchsvoll. Selbst wenn alle das gleiche wollen, sind Faktoren wie Qualitätssicherung, Lieferzuverlässigkeit und Stabilität harte Herausforderungen. Wir wissen genau, was Qualität im Sinne von Langlebigkeit ist, aber die Frage, ob das Produkt wirklich immer gleich ausschauen muss, wird heute neu gestellt, denn die hohen ästhetischen Qualitätskriterien führen dazu, dass viele Ressourcen verschleudert werden.